Ein Seitensprung kann zum Glücksfall für die Beziehung werden

Bestsellerautor Stephen Grosz erklärt im Interview, was Liebe mit Verlust zu tun hat, wie erfüllte Sexualität in der Beziehung gelingt und wann am Ende einer Ehe sogar eine zweite Ehe miteinander möglich ist.

 

Herr Grosz, können uns die Geschichten anderer, in der Liebe gescheiterter Menschen, helfen, bindungs- und beziehungsfähiger zu werden?

In meinem Notizbuch steht ein Zitat von der Journalistin Amy Goodman: Gehe dorthin, wo das Schweigen ist und sage etwas. Das ist, was ich versuche: über die Liebe zu sprechen und darüber, wie wir sie leben. Viele Menschen, die mein Buch lesen, werden selbst nie zur Psychoanalyse gehen. Ich möchte, dass sie durch die mitunter überraschenden Geschichten meiner Patienten manche Dinge in ihrer eigenen Geschichte besser verstehen. Ich schreibe darüber, wie die Liebe von Verlusten bestimmt wird und diese Verluste von unserem Leben. Nicht, weil die Liebe stärker als der Tod ist – sondern weil sie schwächer ist.

Wie meinen Sie das?

Zu lieben ist hart, Liebe ist immer mit Verlusten verbunden. Schon wenn wir geboren werden, geben wir nach kurzer Zeit die Mutterbrust und die vertraute Nahrung auf. Dann gehen wir in die Kita, als junge Erwachsene gehen wir weg von zu Hause und arbeiten.

Was ja ganz normal ist.

Für mich als Psychoanalytiker sind all das Verluste, mit denen wir als Liebende fertig werden müssen. Ein Beispiel aus meinem Buch: Da ist eine junge Frau, die ihre Hochzeitseinladungen verschicken muss, aber sie bringt es nicht über sich. In unseren Gesprächen kam heraus, sie schafft es nicht, weil sie Angst hat, ihre Herkunftsfamilie, Mutter und Vater, zu zerstören und zu verkleinern, wenn sie diese Einladungen verschickt und ein neues Leben mit ihrem Partner beginnt.

Warum schmeißen manche Menschen nach einem Seitensprung ihre Beziehung hin und andere schaffen den steinigen Weg, sich in einer Ehe wieder zusammenzuraufen?

Ich glaube, wenn Menschen tatsächlich am Ende einer Ehe ehrlich miteinander reden und sich einander öffnen, wenn sie sich lieben, dass dann sogar eine zweite Ehe miteinander noch möglich ist. Es gibt doch all diese Hollywood-Komödien über Paare, die sich scheiden lassen und dann wieder heiraten. Ich glaube, dass kann auch Realität sein. Ich unterscheide allerdings zwischen legaler Ehe und psychologischer Ehe: Jemand kann mit mir legal verheiratet, aber vielleicht auch Alkoholiker sein. Dann ist er zwar legal mit mir, aber psychologisch mit dem Alkohol verheiratet.

Psychoanalytiker Stephen Grosz Quelle: Bettina von Zwehl

Ist unser Kernproblem oder gar Irrtum in der Liebe, dass wir an das Konzept der romantischen Liebe glauben und deshalb Seitensprünge meist zum Drama führen?

Früher wurden Ehen pragmatisch geschlossen, um Besitz zu wahren und Erben hervorzubringen. Tatsächlich ist das moderne Bild einer Ehe heute ein Problem. Ein Beispiel: Vor zwei Wochen kam ein Paar zu mir, bei dem die Ehefrau nach einem Wochenendausflug allein zu Hause ein Kondom im Badezimmer gefunden hat. Ihr Mann stritt alles ab. Ich habe gesagt: Schaut, natürlich kann das der Bruch Eurer Beziehung sein. Es kann aber auch ein Durchbruch werden, ein Ende von Lügen. Wenn Leute anfangen, ehrlich über ihre sexuellen und emotionellen Bedürfnisse sprechen, ist es zunächst nicht romantisch. Aber vielleicht ein Durchbruch für die Beziehung.

Haben Sie je zu Patienten gesagt:  Bitte trennen Sie sich unbedingt!

Das ist nicht mein Job. Der Job eines Psychoanalysten ist nicht zu helfen, sondern zu verstehen. Ich bin durchaus mal zu einem Freund gefahren und habe ihm geholfen, seine Sachen zu packen. Aber vielleicht war er ein paar Wochen danach in einer noch schlechteren Beziehung. Wenn ich einem Patienten helfe, sich selbst zu verstehen, helfe ich ihm bei seiner eigenen Entscheidung.

Welche war in den 40 Jahren Ihrer Laufbahn die anrührendste Geschichte, die Sie gehört haben?

Ich hatte mal einen Patienten, der Selbstmord versuchen wollte, ein sehr schwieriger Fall. Eines Tages erhielt ich eine Nachricht seiner Frau, dass er sich umgebracht hätte. Dann erhielt ich auf meinem Handy eine Sprachnachricht von ihm, dass er nicht tot wäre und mich wieder treffen möchte. Das hat mich schockiert. Ich habe dann selbst einen Psychiater

Warum ist es für Psychoanalysten wichtig, sich am Anfang ihrer Ausbildung selbst auf die Couch zu legen?

Die eigene Psychoanalyse ist notwendiger Teil der Ausbildung. Als ich nach meinem Studium der Psychologie als Sohn von jüdisch stämmigen Immigranten in Chicago zu einem Psychiater ging, war ich 31 und unreif. Auch das Lesen von Freud und Lacan hatte mich noch nicht zu einem guten Psychoanalytiker gemacht. Auf der Couch verstand ich zum Beispiel, dass es in der Liebe einen wichtigen Unterschied gibt – zwischen sich hingeben und sich unterwerfen. Wir machen oft den Fehler, uns einem Partner völlig zu unterwerfen, damit er uns liebt. Dieses Geschäft ist völlig zum Scheitern verurteilt.

Ist es in der modernen Psychoanalyse immer noch die richtige Herangehensweise, in der Vergangenheit von Patienten zu stöbern, wenn sie mit der Liebe nicht zurechtkommen?

Absolut. Jeder Patient ist anders. Manche brauchen Medikamente. Aber die Vergangenheit ist meist immer noch der Schlüssel. Im Buch beschreibe ich zum Beispiel auch drei Patienten mit einem Sexualitätsthema. Der einzige Weg, wie sie ihr gegenwärtiges sexuelles Leben verstehen, ist eine Reise in ihre Vergangenheit. Eine der Patientinnen war eine Nonne, Anfang 50, mit Depressionen. Wir fanden heraus, dass sie eine Phobie vor Schwangerschaft hatte, weil ihre Mutter bei ihrer Geburt gestorben war.
Meine Theorie ist, dass wir die Reflexion über unsere Vergangenheit immer wieder selbst machen müssen. Das Wissen über unser Herz kommt von unserem Herzen. Wir können Bücher lesen, mit Freunden sprechen. Aber letztlich bedeutet die Arbeit an der Liebesfähigkeit, uns selbst und die Menschen, die wir lieben, klar zu sehen. Auch die Dinge, die wir nicht gern sehen wollen. Wie die Schriftstellerin und Philosophin Iris Murdoch sagt: Liebe ist die Entdeckung der Wirklichkeit. Die Einsicht, dass jemand Anderes als man selbst auch real ist. Das ist die Aufgabe der Psychoanalyse.

Sie sagen auch: Wahre Liebe ist das Aufhören der Selbstenttäuschung. Wie meinen Sie das?
Wir enttäuschen uns selbst damit, wie wir lieben, wen wir lieben, warum wir lieben. Wenn wir uns mit einem Partner streiten, können wir uns so verstricken in einem fiktionalen Bild, das unseren Blick völlig blockiert. Die geliebten Menschen in diesem Bild sind völlig gefangen von unserer Vorstellung. Von Wut und Vorwürfen ist sehr schwer loszulassen, weil wir sie als Mittel unserer vermeintlichen Überlegenheit nutzen. Das Loslassen und die Selbstreflektion ist das einzige Rezept für die Liebe. Das ist harte Arbeit.

Sind alle Patienten in Ihrer Praxis therapiefähig? Sie schreiben, die Menschen wären sehr „elastisch“.
Manche ja, manche nein. Menschen geben sich oft ihrem Leiden hin, weil es sehr bequem ist. Weil es sicherer ist, als etwas Neues zu wagen. Etwas Neues einzugehen, kann erst mal schwierig und hart sein.

Interview von Marika Schaertl

Stephen Grosz, geboren 1952, arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Psychoanalytiker in London. Sein hochgelobtes, erstes Buch „Die Frau, die nicht lieben wollte“ war ein internationaler Bestsellererfolg. In seinem neuen Buch „Die unbewusste Sprache der Liebe“, das gerade im Fischerverlag erschienen ist, erzählt er Geschichten aus seiner Praxis – und wie seine Patientinnen und Patienten ihre Probleme auf der Suche nach Liebe überwinden.

Das neue Buch von Stephen Grosz ist gerade im S. Fischer Verlag erschienen Quelle: S.Fischer